NGOs und die Netzkonkurrenz

Vor einigen Tagen diskutierte ich im Kreisky-Forum über den Zustand und die Zukunft von NGOs. Die zentrale Frage: Haben Nichtregierungsorganisationen angesichts digitaler Graswurzelbewegungen und individualisiertem Engagement bald ausgedient? Mit am Podium: Barbara Blaha, Leiterin des Momentum-Kongresses, Peter Huemer, Journalist und Historiker, sowie Philipp Sonderegger, NGO-Berater und langjähriger Pressesprecher von SOS Mitmensch, der auch den titelgebenden Blogbeitrag zur Diskussionrunde “Kundgebung heißt jetzt Flashmob” verfasst hatte. Die Publizistin Isolde Charim hatte zur Veranstaltung eingeladen und moderierte. Im Folgenden fasse ich meine zentralen Argumente hinsichtlich NGOs zusammen, weil ich sie gerne weiterspinnen möchte. 

Herausforderungen für NGOs

Um es vorneweg zu sagen: Ich kenne die Arbeite und Resultate von NGOs, aber mehr bedingt die Sicht von innnen.1 Ich glaube, dass NGOs heute vor einer Reihe von neuen Herausforderungen stehen. Diese haben einerseits mit ihrer gesellschaftlichen Rolle zu tun, andererseits mit den Schwierigkeiten, mit denen auch andere Institutionen in unserer Gesellschaft zu kämpfen haben. In Bezug auf die Organisationsform sehe ich vier Problemfelder, die von manchen NGOs sehr gut, von anderen miserabel bewältigt werden: (1) ihr Aufstieg ins Establishment, (2) ihre wirtschaftliche Professionalisierung, (3) ihre neue Konkurrenz, (4) ihre Schwierigkeit mit digitaler Kommunikation.

  1. Viele NGOs sind etabliert, manche sogar schon im Establishment angekommen. Zwar setzen sich noch ein zur Lösung eines gesellschaftlichen Problems, aber oft sind ihre Akteure in ihren Lebenswelten weit weg von dem, wofür bzw. wogegen sie sich einsetzen. Klar muss das keine Voraussetzung für Engagement sein, aber Nähe motiviert und Entfernung lässt vergessen – bei allem Einfühlungsvermögen. NGOs (so wie auch Parteien) wurden zumeist ins Leben gerufen, weil deren GründerInnen von gesellschaftlichen (Un-)Verhältnissen betroffen war – das ist nun nicht mehr der Fall: Viele NGOs heute sind Teil der politischen Mühlen oder kämpfen nur mehr bedingt gegen diese an. Sie wissen, wie sie die Fördertöpfe anzapfen, verfügen über Rücklagen und Verbindungen zu Parteien und Ämtern.
  2. NGOs funktionieren immer stärker wie gewinnorientierte Unternehmen. In ihren Strukturen haben sie sich bürokratisiert und professionalisiert: Bereiche wie Marketing, PR, HR oder Controlling sind Teil einer jeden professionellen NGO. Bei jenen, die massenhaft Spenden sammeln, wurde auch das Keilen um jeden Euro perfektioniert – und zuweilen sogar dubios ausgelagert. Nicht zuletzt wechseln regelmäßig Menschen von NGOs in die Privatwirtschaft – und umgekehrt; ein Indiz dafür, dass diese Welten nicht so weit auseinander liegen.
  3. Und schließlich bekommen NGOs neue Konkurrenz: Einerseits arbeiten sie selbst natürlich stetig daran, dass sie eigentlich gar nicht mehr gebraucht werden, andererseits sind sie gefährdet durch Social Enterprises, die Profit und soziales Engagement nicht mehr gegenseitig ausschließen und oft exzellente Arbeit abliefern. Ein Beispiel dafür ist etwa Three Coins, das sich der Verbreitung von Finanzkompetenz bei Jugendlichen annimmt. Ich bin nicht sicher, ob eine klassische NGO heute so etwas so effizient umsetzen könnte.
  4. Viele NGOs tun sich schwer mit digitaler Kommunikation (ganz so wie auch andere Institutionen). Das hängt erstens mit Kontrollverlust zusammen. MitarbeiterInnen werden durch ihre Onlinepräsenzen mehr denn je zu BotschafterInnen und AnsprechpartnerInnen der Organisation; was sie kommunizieren lässt sich nur schwer kontrollieren oder strategisch steuern. Zweitens haben es Institutionen im Social Web schwerer, akzeptiert zu werden, als einzelne Personen – einige Leuchttürme ausgenommen. Soziale Medien sind nun einmal persönliche Medien und geprägt von individuellen Profilen.

Natürlich lassen sich nicht alle NGOs in einen Topf werfen, aber ich wage zu prognostizieren, dass es jene NGOs, die sich diesen Herausforderungen nicht stellen, es schwer haben werden. Der Trend zur losen Kollektivbildung nimmt zu – man denke nur an die Wutbürger, die ACTA-Proteste oder an die Sozialen Bewegungen von Anonymous bis Refugee Camp, mit denen sich auch NGOs nicht besonders leicht tun, obwohl sie deren Ideen mittragen. Von deren Onlinekommunikation können sich viele Nicht-Regierungs-Organisationen noch einiges abschauen.

Immer öfter sehen wir das Phänomen, dass NGOs bei politischen Aktionen außen vor gelassen werden. Lose Kollektive mit Individuen, die sich als Teil einer größeren Idee sehen, haben scheinbar keinen Bedarf an der “Institution” NGO. Der fällt eine unglückliche Rolle zu: Jahrelang oft hat sie gemeinsam mit gleichgesinnten Schwesterorganisationen daran gearbeitet, Menschen zu überzeugen, Strukturen aufzubauen und Alternativkonzepte zu entwickeln – und plötzlich interessieren die NGOs kaum noch jemanden. Dabei haben sie im Hintergrund viel geleistet: Politischer Aktivismus funktioniert dort gut, wo es bereits Infrastruktur und Leute gibt, die sich der Sache verschrieben haben und die trainiert sind. Und hier spielen NGOs eine zentrale Rolle. Zumeist sind sie auch Garant für einen längeren Atem bei politischen Aktionen.

Journalistische Aufgaben?

Ich glaube nicht, dass NGOs ausgedient haben – dafür werden sie einfach noch zu stark von Politik und BürgerInnen benötigt. Die Gesellschaft braucht NGOs, weil sie in mühevoller Handarbeit den politischen Boden (mit-)pflügen, damit Demokratie gedeihen kann. Sie sind eine wichtige Stimme der Zivilgesellschaft. Nur müssen insbesondere jene NGOs aufpassen, deren Hauptziel Bewusstseinsbildung ist – durch das Internet werden lokale Vermittler schnell von globaler Konkurrenz und losen Kollektive ausgebootet. In einer Welt, in der das Web zum gesellschaftlichen Leitmedium avanciert, müssen derartige NGOs immer mehr zu Medienorganisationen werden. Greenpeace macht das etwa schon exzellent vor. Ich glaube auch, dass NGOs in Zukunft stärker journalistische Aufgaben wahrnehmen. ProPublica, Dossier, Meine Abgeordneten oder auch Wikileaks sind dafür beispielhaft. Weil dem breiten klassischen Journalismus in absehbarer Zeit das Geld ausgeht, müssen NGOs (mit Crowdfunding) einspringen.

1. Von Oktober 2003 weg habe ich meinen Zivildienst bei der Ausländerberatungsstelle ZEBRA abgeleistet. Der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus bin ich schon seit Teenagerjahren eng verbunden.