Re:trospektive auf die re:publica, Teil 2

In meinem Post letzte Woche habe ich damit begonnen, die re:publica Revue passieren lassen. Dort habe ich unter anderem über unseren Vortrag, über neuen Wissenschaftsjournalismus, das Ende der Arbeit und unkonventionelle Recherchemethoden berichtet.

Hier Teil zwei meiner Notizen rund um die Konferenz. Diesmal mit folgenden Themen:

Nachrichten, die man nicht drucken kann

Annabel Church und Friedrich Lindenberg haben Jobs, die es vor drei Jahren wohl noch nicht in dieser Form gab: Als Fellows des Knight-Mozilla-OpenNews-Programms arbeiten sie in Onlineredaktionen und helfen den Journalisten dort, neue Darstellungsformen zu entwickeln. Annabel ist bei Zeit Online, Friedrich beim Pendant beim Spiegel. Weitere Fellows sind in der New York Times, der BBC, dem Guardian, dem Boston Globe, ProPublica und La Nacion untergebracht.

In ihrem Beitrag (Videoauzeichnung) hinterfragen die beiden das Konzept des Zeitungsartikels im Web. Dem Artikel stellen sie das Konzept der „Story” gegenüber. Eine journalistische Geschichte wird über Dimensionen erzählt: Kontext, Beziehungen und Events. Sie argumentieren anhand von Beispielen, die ich im Folgenden anreißen:

      • Natürlich beginnen sie mit Snow Fall, das unlängst einen Pulitzerpreis bekommen hat und unter anderem von meinem Kollegen Heinz ausführlich analysiert wurde.
      • Bisher mir unbekannt: Der Jahresbericht von AirBNB, einer Vermittlungsplattform für Ferienwohnungen und Privatzimmer. 2010 hatte ich über das Konzept dahinter geschrieben. Das Besondere an diesem Bericht: Er verbindet Datenvisualisierung, Illustriation und auf Persönlichkeiten heruntergebrachtes Storytelling auf einer einzigen Seite, in einer bisher mir unbekannten Form.
      • Eine weitere Innovation: Die BBC fügt am Ende von Artikeln Zusatzinformationen zu den wichtigsten Menschen, Orten sowie Videos – hier am Beispiel des Bombenanschlags in Boston.
      • Weiteres genanntes Beispiel: Luminous Flux bzw. OnOn, eine österreichische Publikationsplattform und dessen Testmedium, die ich auch immer wieder unterstützt habe. Die Idee: Themenseiten, die aktualisiert werden, wenn es neue Entwicklungen gibt. Die Plattform merkt sich, was der User bei seinem letzten Besuch gelesen hat, und streicht dann die neuen Stellen hervor. So sieht das dann in Aktion aus.
Luminous Flux auf der re:publica

Luminous Flux auf der re:publica

      • Die Philosophie des National Public Radio (NPR): Create Once, Publish Everywhere (COPE). Wenn Content entsteht, beispielsweise ein Radiobeitrag online geht, dann wird er mit Metadaten versehen und auch über die API von NPR zugänglich gemacht. So ist sichergestellt, dass die Inhalte zu den einzelnen Radiostationen, Partnern und der Öffentlichkeit kommen. Insbesondere die App-Entwicklung für Mobilgeräte wurde durch die API erleichtert. In diesem Talk von der SXSW-Konferenz wird die API genauer erklärt.
      • Ein weiteres interessantes Projekt, das ich bislang noch nicht kannte, ist Guardian Witness, das User Generated Content sammelt. Einerseits gibt es Aufrufe, Fotos zu bestimmten Themen einzusenden – Essensfotos werden am liebsten hochgeladen –, andererseits soll auch Material zu wichtigen Live-Events hochgeladen werden können. Das ganze kommt mit einer App, die den Upload-Prozess erleichtert.
Economist Debates Driverless Cars

Der Economist experimentiert mit Onlinedebatten.

      • Ein von den beiden hervorgehobenes Beispiel, wie Debatten online abgehandelt werden können, ist der Economist: Vorab werden zwei externe Exponenten präsentiert, die das „Für” und „Wider” einer Debatte repräsentieren. In drei Runden (Eröffnung, Widerlegung und Schluss) können die Gäste die Leser überzeugen. Diese können sich per Abstimmung nach jeder Runde und über einen Moderator in die Debatte einbringen. Zusätzlich werden Hintergrundgeschichten zum jeweiligen Thema bereitgestellt. Nach dem ersten Hinsehen wirkt das für mich nach wie ein Onlinediskussionsformat, bei dem wirklich interessante Ergebnisse herauskommen können.

Ohne den Begriff Datenjournalismus wirklich zu nennen, argumentiert Friedrich dafür, dass Journalisten Datenbanken stärker nutzen sollten. Beispiele für journalistisch interessante Datenbanken sind etwa Offenes Parlament, Open Spending (auf dem auch das OKFN-Österreich-Projekt Offener Haushalt beruht) und Lobbyfacts (das noch in einer sehr frühen Version zum Ziel hat, die Lobbyregister der EU besser darzustellen).

News Pyramid

Eine neue Pyramide für Medienhäuser. Foto: Screenshot Präsentation.

Der grüne Bereich im oberen Bild ist jener Bereich, in dem sich die meisten Nachrichtenorganisationen bewegen: das tägliche Nachrichtengeschäft („News”) und die längere Form des Geschichtenerzählens („Reporting”). Darunter gibt es aber sehr viel: die (eigenen) Archive, die oft mehr oder minder vergessen werden (und auch nicht, etwa durch eine API, monetarisiert werden), sowie (öffentliche) Daten. Medienorganisationen sollten damit beginnen, selbst Datenbanken aufzubauen. Mit interessanten Datenbanken als Basis hat man eine ständige Quelle für neue Geschichten. Den Lesern und Entwicklern soll man zugleich ermöglichen, in diese Daten einzutauchen, um etwa ihr Nachrichtenerlebnis zu personalisieren oder zu lokalisieren.

Eine Datenbank zu haben, kann profitabler sein als die eigentliche journalistische Arbeit. Reuters und Bloomberg machen es mit ihren Dienstleistungen im Finanzsektor vor. Da ist viel der Nachrichtenprodukte als weitere Information für die Datenbanken gedacht. Der Journalismus darüber wird fast zur „Werbung” für die Datenbank; er ist ein Zeugnis dafür, wie gut die Datenbank ist. Ein Beispiel dafür ist Pro Publica’s Aufbereitung von öffentlichen Daten über Alterheime: einerseits eine große Geschichte über den Zustand von Altersheimen in den USA, andererseits lässt sich bis ins Detail der persönliche Bezug zur Geschichte ergründen. Ein weiteres, im Datenjournalistenkreisen oft genanntes Beispiel, sind die Projekte der Texas Tribune, etwa jenes, das Schulen im Bundestaat miteinander vergleicht. Auch interessant: Der Flugroutenradar.

Wer diese Projekte und noch mehr sehen und diskutieren will, dem sei abschließend noch der Blog der OpenNews-Fellows ans Herz gelegt.

Neue Aufgaben für die Öffentlich-Rechtlichen im Netz

Lorenz Lorenz-Meyer (@lorenzlm) lehrt Onlinejournalismus an der Hochschule Darmstadt. Sein Beitrag beschäftigt sich mit der Rolle der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Internet (Videoaufzeichnung). Seine Kernthese:

Selbst wenn man von dem umfassenden Auftrag einer Grundversorgung in allen Bereichen absieht und sich auf die eher subsidiären Aufgabenfelder konzentriert, wird man eine ganze Reihe von spezifischen publizistischen Aufgaben im Internet finden, die nur die Öffentlich-Rechtlichen sinnvoll übernehmen können.

Lorenz-Meyer bezieht sich auf die Situation in Deutschland – allerdings scheint sich diese nicht sonderlich von der Situation in Österreich zu unterscheiden, wie seine Zusammenfassung der Kritikpunkte, in Öffentlich-Rechtlichen entgegengebracht wird, zeigt: Byzantinische Strukturen, Niveauverlust, Gehorsam gegenüber Verlegern, Zwangsgebühren.

Aber: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist unser Rundfunk. Und er ist in vielen Bereichen dem gleichen Druck ausgesetzt, dem auch private Medien unterliegen: die Nutzungsgewohnheiten wandeln sich, viele klassische Formate und Produkte funktionieren nicht mehr, die bisherigen Erlösmodelle laufen meist nur suboptimal. Das stiftungsfinanzierte Modell von Journalismus, wie es derzeit immer wieder als Alternative zur öffentlichen Finanzierung diskutiert wird, ist bei genauerer Betrachtung nicht zielführend: Wollen wir uns wirklich darauf verlassen, dass die „Räuberbarone” unserer Zeit ihren Sinn für eine kritische Öffentlichkeit entdecken? Denn schließlich haben viele Stiftungen ihren Reichtum auch durch soziale Ausbeutung erlangt und wollen nun etwas davon wieder der GEsellschaft zurückgeben.

Was soll der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk dürfen? Hier gibt es weite Spielräume: Die eine Extremposition will eine „Grundversorgung”, die alles umfasst: Information, Bildung und Unterhaltung. Die andere Extremposition vertritt, dass öffentlich-rechtliche grundsätzlich nur das dürfen, was Private nicht können (oder wollen). In der Kommunikationswissenschaft gibt es den Begriff des „Public Value”. An der Journalismus-FH in Wien gab es zu diesem Thema ein übrigens ein großes Forschungsprojekt. Moderner Public Value könnte beispielsweise heißen: Man gesteht den Öffentlichen-Rechtlichen dort Freiheiten zu, wo es die Privaten nicht hinbekommen, etwa: professionelle, journalistische Hilfestellung durch orientierende und medienpädagogische Angebote; oder: setzen von hohen qualitativen Standards im publizistischen Wettbewerb.

Lorenz-Meyer fasst seine konkreten Vorschläge für neue Aufgaben für die Öffentlich-Rechtlichen im Netz unter drei Schlagworten zusammen: Jagen, Sammeln Pflegen.

Jagen:

  • Investigative Leuchtturmprojekte werden mit Werkstattberichten aufbereitet, die den journalistischen Arbeitsprozess transparent machen
  • Recherchestipendien für Journalisten und Blogger.
  • Themenklappen à la Wikileaks für die eigene Berichterstattung.
  • Vorbilder: Pro Publica, Netzwerk Recherche.

Sammeln:

  • Kuratierte, algorithmisch unterstützte Aggregationsportale geben Orientierung im Diskursraum. Eine Art „Rivvapolittaucher” (Frank Westphal) als Mischung aus dem automatisierten Rivva und dem manuell erstellten Perlentaucher führt zu einer überdimensionalen Presseschau. Darin wird klar, was gerade die „heißen” Themen sind. Dabei werden die Informationen von Nachrichtenseiten, aber auch von Blogs, Institutionen, Parteien, Universitäten und Parlamentarierbüros aggregiert.
  • Vorbilder (neben Rivva und Perlentaucher): Drudge Report, reddit

Pflegen:

  • Schulungsangeobote für „Produser” (journalistische, technische, rechtliche und medienethische), Bereitstellung von Werkzeugen und Plattformen
  • Vorbilder: BBC College of Journalism, Deutsche Welle Akademie
  • Datenbestände (aus Open Data o.ä.) werden nutzbar gemacht und zur Weiterverwendung von Journalisten oder zivilgesellschaftlichen Akteuren vorgehalten; die Öffentlich-Rechtlichen übernehmen die weitere Aufbereitung und Zurverfügungstellung dieser Datensätze
  • Vorbilder: Tools & Data von Pro Publica

Diese ganz konkreten Vorschläge sollen nach bestimmten Prinzipien ablaufen, die ständig im Vordergrund stehen sollten: Transparenz in der eigenen journalistischen Arbeit, nahtlose Integration von Drittanbietern (auch private Medien), Qualitätsförderung journalistischer Arbeit von Amateuren sowie Profis.

Blinde Flecken im Urheberrecht

Weil ich Christian Katzenbach schon länger auf Twitter lese, hatte mich dessen Vortrag über seine Forschungen zum Urheberrecht interessiert. Gemeinsam mit Jeanette Hofmann arbeitet er am von Google finanzierten Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, das innerhalb von kurzer Zeit ein wichtiger Player im Bereich der Internetforschung geworden ist.

Ihr Beitrag „Im Schatten des Rechts – Wie informelle Normen das Urheberrecht unterlaufen oder auch auf den Kopf stellen” wurde auf Video aufgezeichnet. Auch gibt es auch ausführlichen Aufsatz in Politik und Zeitgeschichte, weshalb ich mich hier mit den Kernthesen begnüge.

Das Ziel des Vortrags (bzw. des Forschungsprojekts dahinter) ist es, der Urheberrechtsdebatte eine neue Diskussionsdimension zu geben. Weil bisher vor allem juristisch (mit moralischen Argumenten) argumentiert wurde, soll der Deutungshoheit des Rechts Empirie entgegengesetzt werden. Mit anderen Worten: Sie wollen Praktiken erforschen, in denen es entweder kein Urheberrecht gibt oder in denen es niemanden kümmert.

Bereiche, in denen das Urheberrecht nicht wirkt oder es Verletzungen ohne rechtliche Konsequenzen gibt, werden als Low-IP(R)-Regimes bezeichnet. IP(R) steht für Intellectual Property (Rights). Beispiele für diese Bereiche sind etwa: Zauberkunst, Kabarett oder Kochkünste. Hier werden Ideen geboren, die nicht vom Urheberrecht geschützt sind. Und trotzdem gibt es kein Marktversagen. Denn die Abwesenheit von Recht bedeutet nicht die Abwesenheit von Regeln. Wo das Recht nicht greift, kommen Regeln von den Inhaltsproduzenten ins Spiel. Diese ungeschriebenen Regeln ersetzen und modifizieren manchmal das kodifizierte Recht. Soziale Normen sind flexibler, zuweilen innovationsfreundlicher, aber nicht unbedingt besser für die Allgemeinheit.

  • Ein Witz etwa wird nicht vom Urheberrecht erfasst. Er kann sofort plagiiert werden. Doch hat sich ein informelles Normensystem herausgebildet, das dem zuvorkommt. Es gibt Sanktionen, wenn auch keine rechtlichen: Wer plagiiert, wird geächtet und nicht mehr eingeladen, öffentlich aufzutreten. Im Unterschied zum Urheberrecht gibt es für diese Regelung kein zeitliches Ablaufdatum gibt.
  • Weiteres Beispiel: Der Handel mit Lizenzen von von TV-Formaten wie „Deutschland sucht den Superstar” oder „Dancing Stars”. Auch wenn viele Teile dieser Formate geschützt werden: Einen übergreifenden rechtlichen Schutz gibt es nicht. Da liegt die Frage nahe: Warum zahlen die Fernsehsender dann tausende Euro für die Lizenzen dieser Sendungen? Die Antwort: Die Fernsehsender kaufen weniger die Idee, sondern das Know-How, wie diese Sendungen durchgeführt werden: so genannte „Format-Bibeln” (Anleitungen, wie die Sendungen zu gestalten sind) und „Flying Producers” (Produzenten, die extra eingeflogen werden).
  • Insbesondere in der Computer- und Videospielbranche ist Plagiieren an der Tagesordnung. Spielideen werden regelmäßig kopiert und oft auch mithilfe der Nutzer weiterentwickelt. Eine Grauzone von Kopieren und Innovieren. Bestes Beispiel sind beiden Facebook-Spiele FarmVille und Farm Town:
FarmVilleTown

Das Kopieren von Ideen ist Alltag bei Computerspielen.

Besuche bei Nokia HERE und ZEIT Online

Dank Fabian konnte ich abseits der re:publica Nokia HERE einen Besuch abstatten. HERE ist jene Abteilung von Nokia, die Karten und Navigationssysteme fertigt. Die Weiterentwicklung in diesem Bereich ist beachtlich. Die Navigation auf meinem aktuellen Handy kam mir reichlich lahm vor im Vergleich zu dem, was sie uns dort präsentierten. Um nur einige Features der aktuellen oder zukünftigen Anwendungen zu nennen: Offlinezugriff, Echtzeitverkehrsdaten, Karten von Gebäuden sowie ein stufenloser Übergang von Kartenansicht zu Augmented Reality. Besonders einprägend war ein internes Tool, das Nutzungsdaten von Handys auf einer Karten darstellt. Als Open-Data-Evangelist interessierte mich natürlich, ob diese Daten anomyisiert zur Verfügung gestellt werden würden. Antwort: Derzeit sei nichts dementsprechendes geplant.

Auch durfte ich die Redaktionsräumlichkeiten von ZEIT Online besuchen. Gezeigt wurden sie mir von Thomas Jöchler, der aus Österreich stammt und früher unter anderem das Open-Data-Projekt der Stadt Wien kommunikativ begleitet hatte. Jetzt leitet er seit bald einem Jahr die Entwicklungsredaktion bei ZEIT Online. Im neuen Newsroom, in Berlin-Kreuzberg gelegen, arbeitet ein junges Team. In einem kleinen, direkt angrenzenden Veranstaltungsraum, finden regelmäßig Veranstaltungen statt. Unter anderem trifft sich hier Hacks/Hackers Berlin. Seit kurzem verfügt ZEIT Online als erstes großes deutschsprachiges Onlinemedium über eine Programmierschnittstelle. Bis zum Jahr 1946 lässt sich das Archiv, das in einem aufwändigen Prozess digitalisiert wurde, systematisch durchforsten. Die beachtlichen Ergebnisse der API-Initiative sind im Dev-Blog dokumentiert.

Postscriptum

Abschließend noch ein Dankeschön an A1, die mir und einigen anderen österreichischen Teilnehmern der re:publica, eine Daten-SIM-Karte zur Verfügung gestellt haben.