ProdUsers, Do Not Forget The Machines

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade von twenty.twenty. Am kommenden Dienstag, den 30.11.2010, findet im Wiener Hub eine Podiumsdiskussion zum Thema “We ProdUSE. Medienproduktion und Mediennutzung in 2020″ statt.

“You’re tweeting, man.” “I ain’t got time to tweet.”
Entnommen und adaptiert aus Predator (1987)

Einmal Google-Search-Button. Wir produzieren. Ein Facebook-Like. Wir produzieren. Push Retweet. Wir produzieren. Mit jeder einzelnen Aktion im Netz generieren wir Material. Fishing for Reaction teilen wir exklusiv mit Datenkraken sowie Freundinnen und Freunden, setzen wir Links in Status-Updates und posaunen in den Äther. Wir? Das ist nicht allein Kollektiv von Menschen. Produsers, do not forget the machines.

Wenn wir “produsen”, dann ist das nur bedingt kreativ, in erster Linie filtern und empfehlen wir mediale Werke anderer: Identitätsarbeit und Reputationsmanagement mithilfe digitaler Ressourcenallokation. Sharen, Liken und Retweeten fällt sowohl in Bereich der Medienproduktion als auch in jenen der Mediennutzung. Daraus lässt sich ableiten: Diese Unterscheidung funktioniert im Web nur mehr mangelhaft. Wer nutzt, produziert. Wer produziert, nutzt. No more one way.

Die 1%-Regel, nach der gerade einmal 1 Prozent der Mitglieder von Online-Communities den Content beisteuern und der Rest (relativ) passiv “lurkt”, erscheint vor diesem Hintergrund hinterfragbar. Content, egal ob mikro (als Leseempfehlung) oder makro (als Blogpost), wird massenhaft und von allen Usern im Social Web abgesetzt. Bewusst und unbewusst.

Zugleich geht bei dieser riesigen Datenakkumulation unter, wer gemeinsam neben den “Produsern” die eigentliche Hauptarbeit leistet: Die realen und virtuellen Maschinen. Die wenigen Zeilen Code, die sich hinter einem Facebook-Like-Button verbergen, verbinden die eigene Online-Repräsentation mit zahlreichen sozialen Objekten [via]. In der englischsprachigen Wikipedia zeichnen Bots für einen Großteil der Änderungen verantworlich. Sie bewahren Wikipedia vor Trollen, bessern Rechtschreibfehler aus oder archivieren alte Diskussionen.[1] Würden bei Google einmal die Crawler streiken, die permanent Website um Website durchforsten, das WWW wäre innerhalb kürzester Zeit unbenutzbar.[2] Die Liste der nichtmenschlichen Akteure, die unser Agieren im Web erst möglich machen, ist lange fortsetzbar.

Wenn sich Axel Bruns in seinem Entwurf des Produsage-Konzepts allein auf Menschen konzentriert und die Technik zum Werkzeug degradiert, dann greift das noch zu kurz. Einerseits denken wir dadurch ständig in projizierten Potenzialen (“Durch Twitter können wir …”, “Mithilfe von Facebook haben wir die Möglichkeit …”, …); andererseits nimmt es zu wenig auf die tatsächliche Rolle Rücksicht, die Technik in der Online-Medienproduktion und -konsumption spielt. Technik ermöglicht nicht nur den Austausch, sie ist ein aktiver Teil davon.


[1] Isabell Otto, Das Soziale des Social Web. Erkundungen in Wikipedia. In: Sprache und Literatur 104 (2009). S. 45-57.
[2] Theo Röhle, Der Google-Komplex. Über Macht im Zeitalter des Internets, 1. Aufl. (Transcript, 2010). S. 87ff.