Der wohlige Rausch der Bohème

Albumrezension für INDIE, No. 36, Herbst 2012, S. 20. 

Photo by Andreas Koefoed.

Wer sich künstlerisch finden will, geht ins Kloster oder nach Berlin. Die skandinavische Bohème hat sich für die deutsche Bundeshauptstadt entschieden und mietet sich dort seit einigen Jahren in Altbauwohnungen ein. Darunter auch die Dänen von Efterklang, die es nach mehr als zehn Jahren, drei Studioalben und über 400 Konzerten nach Berlin zog. Für die Sampleaufnahmen fuhr die Band allerdings in die gleichnamige Geisterstadt aufs norwegische Spitzbergen. Früher plagten sich dort kommunistische Kohlekumpel – 1998 wurde die russische Kohleabbausiedlung stillgelegt – heute knipsen Touristen die Relikte. Das Trio klopfte dort auf leere Tanks, sang in verfallenen Hallen und zeichnete alles auf. Über tausend Aufnahmen brachten Efterklang zurück nach Berlin. Aus den gesammelten Field Recordings, dem Frickeln und Knacken der kalten Einöde, Studio-Recordings und den 70 Stimmen eines Mädchenchors basteln sie an “Piramida”. Behutsam ist jedes einzelne Lied arrangiert: Glockenspiel, Synthies, Saxophon, Piano, Geige, und und und… Trotz der breiten Klangpalette bleibt die Platte aber brav und eingängig. Die experimentellen Sounds aus der Kohleminenstadt geistern nur im Hintergrund umher. Casper Clausens Stimme ist voll von Melancholie und Herzschmerz, unverwechselbar singt er von Isolation und Trennung. Die emotionale Last drückt aber nicht, sie gleitet über die ätherischen Klangflächen. Diese Kombination – Melancholie gepaart mit majestätischem Sound – ist es, die Efterklang so einzigartig machen. Wie gemacht für einen Herbstabend mit einem wohligen Absturz mit Rotwein. Ganz so wie es echte skandinavische Bohemièns in Berlin eben handhaben.

“Piramida” ist am 24. September auf 4AD erschienen.