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Online-PR in Theorie und Praxis

Ende Jänner besuchte ich die Hochschule Darmstadt, wo sich eine Fachtagung mit dem Potenzial von Online-PR befasste. Im Folgenden meine zusammengefassten Notizen von der Konferenz, ursprünglich verfasst für die Homepage der FH Joanneum.

Wenn eine Tagung “Zukunft Online-PR” heißt und von einer Fachhochschule organisiert wird, dann ist klar: Nicht allein Wissenschaftler sind das Zielpublikum; diese Veranstaltung richtet sich auch an Praktiker.
Dementsprechend bunt gemischt war am 29. Jänner die Zuhörerschaft am Campus Dieburg der Hochschule Darmstadt. Das Spektrum reichte dabei von Unternehmenssprechern über PR-Agentur-Mitarbeiter bis hin zu Technikern und Sozialwissenschaftlern. Auch die Vortragenden wiesen völlig verschiedenen Erfahrungshintergrund auf. Ein Fazit zu ziehen, fällt deshalb schwer, vielmehr soll auf die herausragenden Momente der Tagung hingewiesen werden. Vom Studiengang, an dem ich arbeite, nahmen neben mir Heinz Wittenbrink, Karlonie Lorber, Joe Puschitz und Michael Thurm teil. Am Nachmittag leitete Heinz Wittenbrink einen Workshop zum Thema “RSS – Inhalte jenseits der Website zugänglich machen”.

Öffentlichkeit 2.0

Doch beginnen wir am Anfang: Den wissenschaftlichen Einstieg machte Thomas Pleil von der Hochschule Darmstadt. Vier seiner Studierenden hatten die Veranstaltung höchst professionell organisiert. Pleil referierte über “PR der Zukunft: Was bring das Netz?” . Er beantwortete diese Frage für drei Bereiche: die PR-Praxis, die PR-Forschung und die PR-Ausbildung. Bemerkenswert ist Pleils Modell von Öffentlichkeit 2.0 aus Perspektive der PR.

Öffentlichkeit 2.0 (© Thomas Pleil)

Öffentlichkeit 2.0 (© Thomas Pleil)

Öffentlichkeit 2.0 funktioniert anders als die (immer noch präsente) Öffentlichkeit 1.0, in der die Botschaft über Journalisten und Massenmedien zur jeweiligen Stakeholder-Gruppe gelangt. In der Öffentlichkeit 2.0 wird die Rolle des Journalisten als Gatekeeper ergänzt. An seine Stelle tritt ein “Vormedialer Raum”, gemeint sind damit Blogs, Microblogs, Foren, Bewertungsseiten, Social Networks, etc.. Alle Protagonisten der Öffentlichkeit 2.0 empfangen und senden – auch die Stakeholder, die im Konzept der Öffentlichkeit 1.0 ausschließlich empfangen.

Die Online-PR von Greenpeace und Daimler

Volker Gaßner erläuterte die “Online-Strategie von Greenpeace ” in Deutschland und wies auf mehrere Kampagnen und Projekte der Umweltschutzorganisation hin. So etwa Greenpeace TV, das noch im Beta-Stadium ist. Das Videoportal zeigt Berichte über Kampagnen und Werbespots in HD. Erstmals öffentlich präsentiert wurde das sich noch in Entwicklung befindende Greenpeace-Social-Network (Site noch Offline). Ähnlich wie die Wahlkampfseite von Barack Obama soll “Green Action” neben den üblichen Social-Network-Funktionalitäten ermöglichen, dass die die Basis selbst Kampagnen entwickeln und durchführen kann. Greenpeace agiert dort, wo die Zielgruppe ist: in bestehenden Social Networks wie Facebook oder MySpace oder via YouTube. Ein amüsantes Beispiel für eine Mini-Kampagne via YouTube ist die Videoantwort von Greenpeace auf einen Werbespot von Mercedes.

Dieses Beispiel war gut gewählt, denn im Anschluss an Volker Gaßner sprach ein Vertreter der Daimler AG, die bekanntlich mit Mercedes assoziiert ist. Uwe Knaus leitet den Bereich Web Communications bei Daimler und erzählte in Dieburg über seine Erfahrungen, wie bloggen im Konzern funktioniert. Bei Daimler bloggen Mitarbeiter aus verschiedensten Abteilungen. Das Medium hat sich als Tool sowohl für interne als auch für externe Kommunikation bewährt. Allerdings funktioniert der Workflow nicht optimal: Die Autoren des Weblogs schreiben ihre Beiträge in einem Textverarbeitungsprogramm und schicken diese per E-Mail an ein Redaktionsteam, das die Inhalte in das Weblog stellt. Es wäre wünschenswert, wenn die Mitarbeiter geschult würden, selbst mit einem Blog umzugehen.

Persönliche Öffentlichkeiten

Den Abschluss der Tagung gab Jan-Hinrik Schmidt mit seiner Präsentation “Öffentlichkeit im Wandel: Das bringt das Netz!”. Schmidt ist Soziologe und arbeitet am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg. Unter anderem gab er Einblicke in die Nutzungsmotive von Social Network Sites. So würden die meisten Personen Seiten wie Facebook oder MySpace nützen, um ihre Beziehungen pflegen, nicht um neue Leute kennen zu lernen. Genannt sei darüberhinaus Schmidts Idee von persönlichen Öffentlichkeiten, die sich durch Social Media bilden. Dabei geht es darum, dass jede Person, die sich im Web 2.0 bewegt, ihre Identität, ihre Beziehungen und ihre Informationen managen muss. Welchem Personenkreis zeige ich welches Bild meiner Person? Trete ich mit meinem richtigen Namen auf? Welche Informationen von mir gebe ich bekannt? Das alles sind Fragen, die jeder Internetnutzer für sich selbst beantworten muss und die auch für die PR relavant ist. Als Gesellschaft, so Schmidt,  würden wir uns derzeit über die Routinen, Konventionenn und Erwartungen im Umgang mit persönlichken Öffentlichkeiten verständigen.

Die Tagung im Netz

(cc) Michael Thurm

(cc) Michael Thurm

Eine Konferenz, die sich mit Social Media und Kommunikation auseinandersetzt, muss Social Media und Kommunikation natürlich auch leben. Dementsprechend präsent war die Tagung in den einschlägigen Web-2.0-Services. Die Präsentationsfolien der Referenten finden sich bei Slideshare. Bilder wurden via Flickr hochgeladen. Getwittert wurde via Hashtag #ZOPR. Eine  Videozusammenfassung ist auf YouTube online. Eine Sammlung der Blogbeiträge sind bei delicious bzw. via Google Blog Search / Technorati einsehbar.  Hervorzuheben ist dabei INJELEA, der Teile der Veranstaltung in Echtzeit gestreamt hat – die Aufnahmen sind dort noch einsehbar. Open Source PR und PR-Fundsachen haben die Vorträge live mitgebloggt.

Die sinnleeren Schubladen der FH Joanneum

Kategorisierung hilft dabei den Überblick zu bewahren. Allerdings nur, wenn sie auch richtig passiert.
Ein Quiz:
Ordnen Sie den Begriff “Journalismus und Unternehmenskommunikation” einer der beiden Kategorien zu:

    A.) Internationale Wirtschaft
    B.) Information, Design und Technologien

Die kursive Hervorhebung stammt von mir, soll Sie aber nicht in Ihrem Entscheidungsprozess beeinflussen. Sie werden mir sicher zustimmen (Achtung, Ironie): Die Antwort ist ganz klar “A.”. “Journalismus und Unternehmenskommunikation” gehört in eine Schublade, in der auch Begriffe zu finden sind wie “Bank- und Versicherungswirtschaft” oder “International Management”. Auf keinen Fall sollte man “Journalismus und Unternehmenskommunikation” mit einem Begriff wie “Information” in Verbindung bringen. Wo kämen wir denn da hin. Journalismus und Information: Selten so gelacht. (Achtung, Ironie Ende)

Was vor einigen Monaten schon einmal als böser Geist über dem Studiengang, an dem ich studiere, schwebte, ist nun wirklich wahr geworden: An der FH Joanneum ist “Journalismus und Unternehmenskommunkation” nun Teil des Fachbereichs “Internationale Wirtschaft”. Endgültig hat man den Studiengang nun abgetrennt von den anderen Medien- und Designstudiengängen. Nach der großen Diskussion um das neue/alte Standortkonzept hatte ich gedacht, dass auch diese sinnleere Schubladisierung endlich vom Tisch ist. Leider falsch gedacht. Die möglichen Konsequenzen für diese Entscheidung beschreibt mein Studienkollege Michael vom Jahrgang ’05 hier. Danke auch an Heinz für den Hinweis.
Ein PR-Desaster wie vor einem Monat hat die FH Joanneum wohl diesmal vermieden. Sehr still und ohne Pressemeldung wurde diese neue Un-Kategorisierung vorgenommen. In den Redaktionen und PR-Stellen dieses Landes wird man sich ein Belächeln wohl aber nicht verkneifen können. Mir ist zum Lachen nicht wirklich zumute.